Indem der Brief nun seinem Ende naht, lässt der Evangelist in seiner treuen Sorgfalt nicht nach, indem er wahrhaftig das tut, was an die Thessalonicher geschrieben worden: „Wie eine Amme ihre Kinder pflegt, also, voll Zärtlichkeit zu euch, waren wir willig nicht nur euch das Evangelium Gottes mitzuteilen, sondern auch unser Leben hinzugeben für euch.“ Es gleicht unser Evangelist der Mutter, die, nachdem sie die Schürze des Kindes gefüllt, dasselbe noch umgürtet und ermahnt, das Erhaltene nicht zu verlieren. So geschieht es auch hier. Da nicht Weniges gesagt worden, so fasst er auch, nach Weise der Redner, damit nicht Etwas von dem Vielen dem Gedächtnisse entfalle, dasjenige, was er weitläufiger erörtert, in einem kurzen Schlussworte gegen Ende des Briefes zusammen. Was er daher aus liebevoller Sorgfalt überliefert, wollen wir auch sorgfältig vernehmen.
„Solches habe ich euch geschrieben, auf dass ihr wisst, dass ihr ewiges Leben habt, und dass ihr glaubet an den Namen des Sohnes Gottes.“
Ich habe geschrieben, spricht er, weil es der Mühe wert war. Denn wenn nach so sorgfältigen Ermahnungen dennoch so viele Sekten über Hand genommen haben, was wäre wohl bei so großer Lässigkeit der Menschen, und bei solcher Erkaltung der Liebe, da geschehen, wenn ich meine Pflicht unterlassen hätte? Und siehe wie viel Ketzer er mit diesem einen Verse niederschlägt. Wenn er nun zuerst sagt, „dass ihr es wisst,“ so will er, dass wir gewiss seien, und wissen, dass wir uns unter der Gnade befinden, wenn wir nur gläubig seien. Darin stimmen nun einige unserer Schulgelehrten nicht mit uns überein, indem sie behaupten, dass wir nicht wissen, ob wir uns in der Liebe befinden oder nicht: widerstreiten diese, aber nicht dem Zeugnisse dieses Briefes, ja dem ganzen Briefe, ja sogar der ganzen Schrift. Und sie berauben uns des höchsten Gutes, das der Mensch besitzt, ich meine des Friedens, welchen uns Christus zu geben verheißen hat, und der uns wird, wenn das Gewissen beruhigt worden. Solange wir aber über die Gnade Christi und über sein Wohlwollen in Zweifel sind, wo bleibt da dieser Friede? Was bleibt da im Herzen des Menschen zurück, als Stürme? Und was tun wir anders, als diejenigen, welche im höchsten Grade ungläubig sind? Was erzeugt so sehr Lässigkeit und Hass gegen Gott, als wenn du argwöhnst, du seiest in Ungnade bei Gott? Welcher Ruhm, spricht er, ist unser? Doch es ist Gefahr, sagen sie, dass wir uns täuschen: wohl kann sich der Gottlose täuschen, der Gläubige aber niemals. Deswegen sagt er, „damit ihr wisst,“ und damit er noch bestimmter lehre, fügt er bei: „dass ihr ewiges Leben habt.“ Jetzt, spricht er, habt ihr das Unterpfand, und eine gewisse Hoffnung, euch ist die Verheißung versiegelt worden durch den heiligen Geist, welcher ist das Pfand unserer Erbschaft zum Empfange des erworbenen Besitztumes, zur Ehre seiner Herrlichkeit. Und wiederum hat er uns mit ihm auferweckt, und uns im Himmel Platz nehmen lassen. Und da uns so Großes verheißen worden, was haben wir auf der anderen Seite zu tun? Zu glauben an den Namen seines Sohnes (Joh. 8). „Das ist das Werk Gottes, dass ihr glaubt an den, den Er gesandt hat.“ Das ist die Gerechtigkeit der Christen, aus dem Glauben gerechtfertigt zu werden, und gerechtfertigt durch den Glauben zu leben, und Friede zu haben. Es sollen daher schweigen jene neuen Pelagianer, welche die Gnade Christi verdunkeln, und die Arbeit und den Tod Christi vernichten; hingegen ihren Werken die Gerechtigkeit und Seligkeit zuschreiben, und Andere derselben teilhaftig machen möchten. Es sollen auch die Arianer schweigen, die Christum zu einem Geschöpf erniedrigen, und in der Tat den Sohn Gottes mit den Juden verleugnen: oder tun sie das nicht, da sie ihn nicht dem Vater gleich sein lassen? Übrigens zeigt der Evangelist noch sorgfältiger unsere Gewissheit, indem er beifügt:
„Und das ist die Zuversicht, die wir bei ihm haben; dass, so wir etwas nach seinem Willen erbitten, er uns hört. Und so wir wissen, dass er uns hört, was wir irgend erbitten, so wissen wir, dass wir das Erbetene, das wir von ihm erbitten haben, erlangen werden.“
Weil wir darüber schon oben gesprochen haben, so ist es nicht nötig, dass wir es weitläufig wiederholen. Nur zu ihm selbst sollen wir beten, und nicht zu Anderen. Beten sollen wir aber im Glauben und seinem Willen gemäß: das ist, wir sollen um solches bitten, was heilig und Gottes würdig sei, nicht worüber wir, wenn wir es erlangen, trauern würden. Und was er will, dass wir beten, wisst ihr Alle: nämlich, „dass sein Name geheiligt werde, sein Reich zu uns komme“ usw., wie ihr es aus seinem Gebete wisst. Halte auch nicht für Redseligkeit, dass er viel Mal wiederholt: „wir wissen,“ „wir wissen,“ und „wir haben Zuversicht!“ denn er will, dass wir durchaus gewiss seien, ohne alle Bedenklichkeit, so gewiss, als hätten wir schon in Händen, was er verheißt. Sehr bezeichnend ist aber gesagt: „Nach seinem Willen.“ Denn er will keinen, der den Nächsten hasst, keinen Pharisäer, keinen Ungläubigen: sondern er will einen, der dem Nächsten seine Fehler vergibt, der sich sehnt und dürstet nach der Ehre Gottes, und keinen Zweifel über seine Güte hegt. Denn wie er nicht die Ungläubigen und ihresgleichen mit Wundern erfreute, so erhört er sie auch nicht. Wir sollen aber nicht nur für uns beten, sondern auch für die Brüder, vorzüglich aber für die Sünden der Brüder: was zumeist dem Willen Gottes gemäß ist. Es gibt aber einen Sünder, für den man nicht beten soll. Und darüber lehrt er folgendermaßen:
„So Jemand sieht seinen Bruder sündigen, eine Sünde nicht zum Tode, so mag er bitten, und Er wird Leben geben, nämlich denen, die da sündigen nicht zum Tode. Es gibt Sünde zum Tode; nicht für solche, sage ich, dass er bitten soll. Alles Unrecht ist Sünde; aber es gibt Sünde nicht zum Tode.“
Es ist ein heiliges und frommes Werk für den Bruder, der da sündigt, zu beten, und um so heiliger, je schwächer er ist, und je feindlicher gegen uns. Denn auch Christus hat für uns gebeten, da wir solche waren. Übrigens sollt ihr hier vernehmen, was ich über den Unterschied der Sünden denke, worüber so viel gestritten wird, welche Sünde zum Tode sei und welche nicht. Wir wollen zuerst sehen, wie wir in verschiedenem Sinne über die Sünde zum Tode zu reden pflegen; damit wir nicht Anlass zum Streite geben, indem wir mehr über Worte als über die Sache selbst streiten. Zum Tode nennen wir zu erst, was seiner Natur nach den Tod verdiente, wenn es nach dem strengen Gesetze des göttlichen Gerichtes gerichtet würde, wenn es auch selbst nicht immer mit dem Tode belegt, sondern vergeben wird, und zuweilen auch durch Hilfe des Glaubens wieder aufgehoben wird. Und ich wüsste kein Werk, welches der Mensch, der noch nach dem Sauerteige der Erbsünde riecht, tun könnte, das nicht vor dem Angesichte des ewigen Richters verdammt zu werden verdiente. Welches auch David fühlte, indem er sagt: „Vor dir ist kein Lebendiger gerecht.“ Und Hiob: „Wie kann ein Mensch gerecht sein bei Gott.“ Jesajas sagt, dass all unsere Gerechtigkeit sei wie ein besudeltes Kleid. So sagt unser Apostel auch hier: Alles Unrecht ist Sünde: das heißt, in jeder Übertretung des Gesetzes ist Sünde. Und wer hat je, ich bitte, sag es, durch seine Werke auch nur ein einziges Gesetz erfüllt? Jedes Gesetz verbietet die Begierde, und doch sind wir, solange wir leben, nicht frei davon. Jedes nimmt alle Kräfte in Anspruch. Und so können die Todsünden nicht von denjenigen, die vergeben werden, unterschieden werden; obgleich es hinlänglich klar ist, dass einige Sünden schwerer sind als die Anderen. Todsünde nennen wir auch diejenige, welche nicht allein den Tod verdient, sondern auch den Tod bringt, obgleich sie auch zuweilen vergeben wird. Und jede Sünde, die außer dem Glauben geschieht, ist eine Todsünde. Denn jeglicher böse Baum bringt nicht gute Frucht, und wird umgehauen und ins Feuer geworfen. Und wer nicht mit dem Weinstocke durch den Glauben verbunden bleibt, bringt wahrlich nicht gute Frucht. So ist Alles zum Tode, was nicht aus dem Glauben ist: verzeihlich, was nur im Glauben geschieht, wie (Röm. 8) geschrieben steht: „So ist nun keine Verdammnis für die, welche in Christo Jesu sind, die nicht nach dem Fleische wandeln, sondern nach dem Geiste.“ Wo der Glaube durch die Liebe tätig ist, da ist keine Gefahr; wo aber Unglaube ist, da ist die Verdammnis gewiss. Für den Christen ist der Glaube Gerechtigkeit, der Unglaube Sünde. Hiernach zweifle ich nicht, dass viele Sünder, in denen irgend ein Same des Glaubens zurückgeblieben, vor dem Angesichte Gottes angenehmer, als die Ehelosen und Almosenspender, die wohl unter den Heiden und vor den Menschen gelobt werden können, obgleich sie gar keinen Glauben haben. Wahrlich für diese Brüder muss man fleißig beten, so oft sie entweder aus Unwissenheit oder aus Schwachheit fallen. Die schwerste Todsünde endlich, die nicht allein den Tod verdient, sondern ihn auch bringt, und nicht verziehen wird, ist diejenige, wenn solche, die einmal erleuchtet gewesen, wieder zurückfallen, indem sie wider den heiligen Geist sündigen, da sie nicht allein wider das Evangelium und den Glauben streiten, sondern auch die Gläubigen selbst um des Glaubens willen verfolgen, worüber Matth. 12 geschrieben steht: „Die Sünde wider den heiligen Geist wird weder in dieser noch in jener Welt vergeben.“ Darüber scheint auch Hebräer 6 und 10 zu reden.
Nachdem wir nun dieses erörtert haben, kehren wir zu dem zurück, was unser Apostel gesagt hat. Was will er in den vorerwähnten Worten anders sagen, als dass unsere Zuversicht in dem Herrn auch fremde Sünden zu tilgen vermöge? Und daher pflichte ich gern der Ansicht bei, dass auf das Gebet des Taufenden, und der Taufzeugen, die das Kind zur Taufe bringen, die Erbsünde vergeben, und der heilige Geist erfleht werde. Denn wenn wir durch unser Gebet andere Sünden der Brüder tilgen können, warum nicht auch jene fremde Sünde? Dennoch sehen wir zuweilen bei den Taufzeugen zu wenig Ernst und Glauben für ein so wichtiges Sakrament. Wenn nun ferner Einige aus dieser Stelle einen Beweis für das Fegefeuer herleiten wollen: wer sieht da nicht ein, auf wie schwachen Füßen solches sich stützt? Denn der Evangelist redet von der Todsünde, die während dieses Lebens begangen wird, indem er sagt „sündigen“ und nicht „gesündigt haben,“ Es gibt aber eine Gattung von Sünden, für die er uns keine Gewissheit verleiht, dass sie vergeben werde. Ich sage nicht, spricht er, dass du betest. Er sagt: „bittest,“ denn bitten ist, wenn du das Wort genau nimmst, weniger als beten. Über diese Sünde sagt er, wenn du das Wort streng nehmen willst, dass sie so groß sei, dass er dich nicht ermuntern dürfe, auch nur ihrer vor Gott mit einem Worte zu erwähnen, geschweige denn für sie zu bitten. Aber wir nehmen hier bitten, als stünde es „beten“, was noch immerhin schwer ist. Nicht als wäre irgend eine Sünde so groß, dass sie die Güte Gottes übersteigen könnte, sondern weil man zu denjenigen keine Hoffnung noch Zutrauen haben kann, bei denen Alles ins Böse sich kehrt, und weil sie unbußfertig verbleiben, und dem Geiste und der erkannten Wahrheit, die über allen Widerspruch erhaben ist, doch widersprechen. So sagt auch Jeremias 7: „Du aber bitte nicht für dieses Volk, und erhebe nicht für sie Flehen und Gebet, und lege nicht Fürbitte bei mir ein, denn ich höre dich nicht. Siehst du nicht, was sie tun in den Städten Judas und auf den Straßen Jerusalems? Die Kinder lesen Holz und die Väter brennen das Feuer an, und die Weiber kneten Teig, um Kuchen zu bereiten für die Königin des Himmels, und um Trankopfer zu opfern den fremden Göttern rc.“ Es soll dich nicht wundern über dasjenige, was hier Gott sagt. Denn Gott will das Nämliche bei Jeremias, was hier bei Johannes. Er gibt auch den Grund an, warum er nicht mit Zuversicht hatte beten können, während das Volk keine Buße tue. Ja selbst ihre Opfer und Fasten nützten nichts, dieweil sie nicht vom Unrechte abstunden, wie Jeremias 9 geschrieben steht. Und Jesajas 12: „Nicht wird euch diese Missetat verziehen, bis ihr sterbt.“ Es gibt solche, welche an diesem Orte (z. B. Beda) sagen, dass Bitte Sündenerlass sei, und dass jedermann für die Brüder bei leichten Sünden darum bitten könne, nicht aber so bei schweren Sünden, zumeist wenn sie vom Glauben abgefallen sind, und demselben widerstreiten. Solche müssen, wenn sie zurückkehren, einen größeren Beweis ihres Glaubens ablegen, dass er ja nicht erheuchelt sei. Sie verdienen zuerst zurückgewiesen zu werden, weil sie vom ersten Glauben abgestanden. Kaum können wir für sie mit großer Zuversicht beten, da sie den Glauben so elendiglich verraten haben. Ich habe auch nicht gelesen, dass solche wieder zurückgekehrt seien, die aus Bosheit wider den heiligen Geist gesündigt haben. Denn für diejenigen, welche zurückkehren, wenn sie, nachdem sie die Wahrheit kennen gelernt, aus der Kirche ausgetreten sind, und die, wie wahrscheinlich ist, mehr aus Unwissenheit und Schwachheit gesündigt haben, für die soll man bitten. Denn für solche bat auch Christus, und wurde wegen seiner Würde erhört. Auch Stephanus bat nicht für diejenigen, welche vom Glauben abgefallen waren, sondern für diejenigen, die ihn steinigten, und die noch nicht zu unserem Glauben hinzugetreten waren. Paulus bat ebenfalls nicht für Alexander, den Kupferschmid, indem er sagte: „Er hat mir viel Böses erwiesen: der Herr vergelte ihm nach seinen Werken! Vor ihm hüte auch du dich! denn er hat meinen Reden sehr widerstanden.“ Diese Sünde erblickte wahrscheinlich Petrus auch bei Ananias und Sapphira. Auch Elias bei den Fünfzigern (2 König 1) und Elisäus bei denen, die ihn verspotteten, und ihn Kahlkopf riefen, als ob der Prophet der Gnade des heiligen Geistes beraubt wäre. Und dieses geschah nicht gegen die Liebe. Denn es war für sie nützlicher zu sterben, als zu leben: denn sie leben zu ihrem eigenen Verderben, indem Alles, was sie tun, ihnen zum Verderben gereicht. Übrigens wollen wir, ihr Brüder und Schwestern, indem wir solches hören, nicht ihrem Beispiele nachahmen, damit nicht sowohl unsere Bitten als die der Anderen für uns verworfen werden; sondern lasst uns so im Glauben und in der Liebe üben, dass wir durch unsere Bitten nicht allein unsere Ungerechtigkeiten, sondern auch die der Brüder tilgen. Solches wolle uns Christus nach seiner Barmherzigkeit verleihen, ihm sei Ehre in alle Ewigkeit. Amen.